Das weiße Pferd
Klick – ein Blick reißt meine Sinne aus dem alltäglichen Informationsgeplänkel etablierter Online-Medien.
Die Homepage des St.-Viti-Gymnasiums wirkt angenehm menschlich, bunt und unverdorben von aufgesetzten Grafikklischees.
Gerne schaue ich auf diese Seite, fühle mich schon fast zu Hause beim Scrollen zur Botschaft des Kultusministers: »Wir wollen die gymnasiale Oberstufe zur Qualitätsoberstufe weiter entwickeln.«
Ein weißes Pferd auf rotem Hintergrund lädt die Maus des Lesers zu einem Besuch in das niedersächsische Kultusministerium ein.
»Die besten Urlaubsgrüße vom Wolfgangsee« fliegen durch den Schlitz unserer Haustür. Mit dem Entziffern des Absenders habe ich am Anfang Probleme. Ins Auge springt der runde rotfarbene Stempelabdruck auf weißem Hintergrund: »Im weissen Rössl am Wolfgangsee«. Pferd in steigender Position auf Hinterhufen. Das niedersächsische Kultusministerium in Österreich?
Meine Maus ist grau, nicht weiß. Im Supermarkt lasse ich mich von einem Sonderangebot verführen, meinen Blick zu versenken: in eine runde Dose mit weißen Mäusen. Ich bin nüchtern. Die Mäuse sind real.
Menschen und Symbole. Weiße Pferde, gehörnt, geflügelt … Pegasus: geflügeltes Pferd der griechischen Mythologie, entsprungen der Quelle, den Dichter zu tragen in geistige Welten mit göttlicher Kraft.
Ich surfe. Im Internet. Und doch spüre ich die Wellen steigen. In meinem Geist, in meinen Fingern. Es trägt mich.
Dass ich eine Dichterin bin, weiß hier niemand. Ich bin Mutter einer Tochter, die seit dem letzten Sommer das St.-Viti-Gymnasium besucht. Amtskleidung trage ich keine. Ich möchte sein, keine Rolle spielen. Entsprechend zögerlich meine Annäherung auf dem ersten Elternabend bis zum Gewähltwerden in das Amt der Elternsprecherin. Im Schulelternrat möchte ich den Musen dienen als Konferenzvertreterin. Ich verlasse die erste Sitzung als stellvertretende Vorsitzende. Es hat sich gefügt.
Ich fliege durch die Sitzungen. Samtgemeindeelternrat, Kreiselternrat, tanke Eindrücke, forme meine Sprache nach Art der Menschen, die mich umgeben. Benehmen üben, denke ich nach der ersten Gesamtkonferenz, deren Gepflogenheiten mir neu waren. Zu rasch platze ich hervor, ohne mich gemeldet zu haben, aus purer Neugier. Hoffentlich war ich nicht unhöflich. In mir das Klischee »Oberschule mit Bügelfalten«, während ich das Bügeleisen in meinem Heim kalt lasse.
Der Webmaster – möchte er genannt sein? – ein Sammler, Liebhaber mysteriöser Überraschungen, Reisender in Zeitungsberichten vergangener Jahrzehnte, lässt das Bild auf die Welle. Ich scrolle nicht mehr bis zum Kultusminister, bleibe hängen: Auf der aktuellen Web-Wiese des St.-Viti-Gymnasiums grast ein junges Pferd. Oder ist es ein Windhund? Merkwürdig. Mysteriös. Inspiriert von den drei Fragezeichen einer berühmten Hörspielserie trete ich mein Amt als Detektivin an und kontaktiere den Auftraggeber. Herr B., Lehrer für Deutsch und Chemie, führt mir seinen besten Agenten zu. Nummer 3 wird meine Tochter sein, Freundin aller Pferde.
15 Uhr im Klostermuseum. Cooler Blick, wir haben uns verstanden.
»Wir sind hier ganz unhöflich!« Ich atme auf. Ein Mensch, Gott sei Dank. Während ich seinen Worten lausche, weiß ich nur um das Amt des Stellvertreters. Bürgermeister, Stadtdirektor, Samtgemeinderat? Zuständigkeiten – Ämtertitel – spielen hier keine Rolle. Im Mittelpunkt das weiße Pferd.
Als Retter möchte er nicht erscheinen. Herr K. habe das Pferd eines Tages im Garten des alten Feuerwehrgebäudes stehen sehen, im Regen. Niemand weiß bis heute, wie es dorthin kam. In das St.-Viti-Gymnasium gelangte es 1960 durch Elternhände – eine Spende.
Zeitreise.
Im Worpsweder Atelier des Künstlers Ulrich Conrad suche ich nach den Wurzeln. Zögerlich sein Erinnern. Dieses Pferd … es fällt aus dem Rahmen. Abstrakt seine Form. Ich schaue dem Bildhauer bei der Arbeit zu. Staubkörnchen kratzt er fast unscheinbar von seinem Pferd mit Reiter. Ein Pferd in seiner reinen Form, Schönheit der Natur. Modern sei das nicht. Verdrängt habe er sein Pferd von damals. Ein Versuch, misslungen, seiner Eigenart als Künstler widerstrebend. Beim Fragen ist mir, als berühre ich eine Wunde.
Vielleicht zwei, drei Jahre vorher sei es entstanden. Verkauft bei einer Ausstellung, vielleicht. Von wem? Er weiß es nicht.
Ein fliehendes Pferd … mysteriös seine Herkunft. Dem Künstler selbst ein Rätsel bleibend.
Im Treppenhaus der Zevener Oberschule hat es gestanden. Ein Artikel der Zevener Zeitung vom 23.11.1960 dient als Beweisstück. »Es ist ein Geschenk der Elternschaft der Schule aus Anlass der Fertigstellung der Gebäude.«
»An ein weißes Pferd kann ich mich leider nicht erinnern«, schreibt mir ein Schüler von damals. Ein Aquarium habe im Treppenhaus gestanden, erzählt mir eine ehemalige Schülerin, Mutter einer Tochter der jetzigen 6L1. Aber ein Pferd?
Beweisstück Nr. 2: Ein Brief des Studiendirektors W. Knoop vom 18. Januar 1972 an den Direktor der Stadt Zeven.
Ich frage Herrn K., welcher Art Unsinn die Schüler mit dem Pferd getrieben hätten. Auch er kann nur vermuten. Mit Kugelschreiber bekritzelt … am Stein gekratzt …
Den Zustand des Pferdes zu Beginn der 90er Jahre beschreibt der amtierende stellvertretende Samtgemeindedirektor mit »veralgt, grün angelaufen«. Bis zur vollständigen Umgestaltung des Zevener Klostermuseums Ende der 80er Jahre sei es dort wohl aufgehoben gewesen.
In dem ehemaligen Feuerwehrgerätehaus auf der Worth befindet sich heute das Job-Zentrum der Zevener Volkshochschule. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Kurse Ende der 80er Jahre im kleinen Turmzimmer. Studienbegleitzirkel Funkkolleg Musikgeschichte. Vier Teilnehmer in kleinem Kreis, ein Rentner, eine Krankengymnastin, eine Lehrerin und ein Lehrer. Wir plauderten angeregt über Johannes Brahms und Clara Schumann, fantasierten über ein mögliches Verhältnis der beiden miteinander, während die Prüfungsklauseln ins Abseits gerieten. Freude hatten wir am Gespräch, ich denke gern daran zurück. Das Pferd sollte erst später in den dortigen Garten gelangen – unter mysteriösen Umständen.
Ich mag Zeven. Geflohen war ich – wie das Pferd? – vor meiner Vergangenheit. In Zeven – und um zu – traf ich Menschen, die noch menschlich waren.
Das junge weiße Pferd hat einen Ehrenplatz. Heute. Kleine Galerie im Rathaus Zimmer 202. »Heinrich« wird es liebevoll gerufen. Auf einem roten Teppich seine Weide im Schatten einer Zimmerpalme. Im Licht durchfluteten, geschmackvoll eingerichteten Büro des Stadtdirektors fand es die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Danke, lieber Bildhauer, für deinen »Ausrutscher«! Verlorenes Schaf in der Heimat …
Der Künstler
Ulrich Conrad
geb. 28.10.1930 in Bacharach/Rhein
1940-45 Hermann-Lietz-Schüler in Gebesee, Ettersburg und Buchenau
1945-46 in der Rhön und am Rhein in der Landwirtschaft tätig
1946-47 Tischlerlehre
1948-52 Studium der Bildhauerei an der Kunstschule Mainz
1952-53 Meisterklasse bei Prof. Emy Roeder (Hoetger-Schülerin)
1954 kurze Werklehrertätigkeit in Varenholz bei Rinteln
ab 1954 freischaffender Bildhauer in Worpswede
seit 1952 verheiratet, vier Kinder
1970-75 Arbeit mit Strafentlassenen in seiner Werkstatt
1962 Förderpreis des Senats der Stadt Bremen
1969 Kunstpreis der Biennale in Ancona
Arbeiten aus Holz, Stein, Metall, Bronze. Neben freien Arbeiten Aufträge für öffentliche Gebäude wie Schulen, Kirchen, Krankenhäuser u. a.
1974/75 Entwurf, Planung und künstlerische Ausführung der Katholischen Kapelle in Worpswede.
Ausstellungen in Münster, Hamburg, Celle, Geesthacht, Syke, Jork, Osterholz-Scharmbeck, Worpswede, Bremervörde.
Ausstellungsbeteiligungen in Bonn, Marl, Waldliesborn, Bremerhaven, Wiesbaden, Bad Kissingen u. a.
Die Autorin
Rudi
»Ich bin Rudi. Gehe in die virtuelle Ganztagsschule des St.-Viti-Gymnasiums in Zeven.
www – weite wunderbare Welt des irdischen Gradnetzes … Schule ohne Klassen, für Kinder, Greise, zwanglos, frei, ohne Plan.«
aus: noch ohne Titel – Werk im Entstehen
© 2005 by Rudi, Mopy und Internet-AG (ausgenommen: animierte Gifs und »Fischerboote« von Vincent van Gogh)
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