Ein Teil dieser Unterrichtseinheit fand nicht im Kunstraum statt. Stattdessen standen wir am Bahnhof, liefen durch die Innenstadt und suchten nach Motiven, die etwas über unsere Gesellschaft erzählen. Der Anlass dafür waren Bilder Edward Hoppers, die fast 100 Jahre alt sind. Seine Bilder wirken oft ruhig, klar und sorgfältig komponiert. Gleichzeitig zeigen sie Menschen, die sich nah sind und trotzdem nicht miteinander in Kontakt zu stehen scheinen. In “Room in New York” sitzen zum Beispiel zwei Menschen nebeneinander (eine Frau auf einem Hocker am Klavier und ein zeitungslesender Mann auf einem Sessel) – und wirken dennoch, als lebten sie in unterschiedlichen Welten.
Nachdem die 11. Klasse untersucht hatte, wie Hopper mit Bildaufbau, Licht und Komposition arbeitete und analytische Skizzen dazu anfertigte und Analysen dazu schrieb, stellten wir uns eine einfache Frage: Welche Bilder würden entstehen, wenn er heute hier leben würde? Um Antworten zu finden, verlagerten wir einen Teil des Unterrichts nach draußen.
Aus Beobachtungen, Recherchen und vielen Diskussionen entstanden schließlich eigene fotografische Inszenierungen. Nicht über die Welt der 1930er-Jahre, sondern über unsere.
Im Anschluss experimentierten die Schülerinnen und Schüler mit KI-gestützten Bildwerkzeugen. Ausgehend von ihren eigenen Fotografien erprobten sie unterschiedliche Bearbeitungen und Inszenierungen, um die Bildwirkung gezielt zu verändern, Stimmungen zu verstärken oder alternative Perspektiven sichtbar zu machen. So wurde deutlich, wie digitale Werkzeuge heute nicht nur Bilder erzeugen, sondern auch unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit beeinflussen können.
Wir stellen zum Ende unserer Recherche fest: Menschen sitzen heute selten am Klavier und lesen Zeitung. Die Frage ist nur: Sind wir uns deshalb näher gekommen?
Bilder: Jg. 11
Beispiel einer Bildanalyse zu “Nighthawks”:
Das 1942 entstandene Ölbild auf Leinwand mit dem Titel Nighthawks im Format 84,1 × 152,4 cm von Edward Hopper ist im Art Institute of Chicago ausgestellt und zeigt das Nachtleben von vier Menschen in einer Bar.
Auffällig an der Komposition sind die Mittelsenkrechte sowie die Diagonale von unten links nach oben rechts, da diese die vier Personen vom Rest des Bildes abtrennen. Dadurch entsteht eine isolierende Wirkung der Personen. Außerdem bündeln sich alle Geraden in der Nähe des Kopfes des linken Mannes, wodurch dieser noch etwas mehr isoliert bzw. von den anderen Figuren distanziert wirkt. Dies zeigt sich auch an der Platzierung des Goldenen Schnitts. Dabei befindet sich der Mann im Zentrum dessen, während die anderen sich im rechten Teil befinden. Die Platzierung des Goldenen Schnitts zeigt, dass alle Figuren sich zwischen den beiden waagerechten Geraden befinden, was zu einem harmonischen Eindruck beiträgt.
Zudem lässt sich hierbei ein Schwerpunkt feststellen, da alle Personen sich im rechten Teil des Bildes befinden. Dies zeigt sich an der Mittelsenkrechten, die links und rechts voneinander trennt. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen Ruhe bzw. Stille links und dem aktiveren rechten Teil. Die Blickführung des Betrachters startet bei der Frau und dem Mann, da diese mit dem Mann vor ihnen den Schwerpunkt bilden und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zunächst wandert der Blick spiralförmig bei den Personen umher, bis er nach draußen wandert. Da dort im starken Kontrast zu drinnen nur Leere ist, wandert dieser wieder zurück zum Ausgangsort.
Die Blicke der einzelnen Personen sind auf ihre Gläser gerichtet oder, wie beim Mann in Weiß, ins Leere. Dadurch entsteht das Gefühl der Stille. Obwohl sich mehrere Menschen an einem öffentlichen Ort treffen, scheint es eher ruhig und isoliert zu sein.
Viele Formen in diesem Bild sind überwiegend Rechtecke, wie zum Beispiel die Fenster der Gebäude im Hintergrund sowie die der Bar. Dadurch entsteht das Gefühl von Ordnung. Die Personen bilden jedoch ovalartige Formen, die dem ganzen Bild Lebendigkeit schenken. Der Mann in Weiß ähnelt jedoch einem Dreieck, dessen Spitze nach oben gerichtet ist. Dies trägt zur Wirkung der Stille bei, da er in sich gekehrt wirkt, was durch seinen Blick ins Leere verdeutlicht wird.
Die Tiefe des Raumes wird durch Vorder-, Mittel- und Hintergrund deutlich gekennzeichnet, was durch das Überlappen der Bar und des Gebäudes verdeutlicht wird. Außerdem kann man dadurch auch erkennen, dass die Menschen sich hinter der Wand der Bar befinden. Die Raumtiefe wird ebenfalls durch die Verkürzung der vorderen Barwand verdeutlicht. Hierdurch entsteht die dreidimensionale Wirkung.
Die Farbpalette wird von kalten blau-grünen Tönen dominiert, die im starken Kontrast zu den warmen Gelb- und Rotbrauntönen im Innenraum stehen. Hierdurch entsteht die Wirkung eines lebhaften und entspannten Innenraums mit angenehmer Atmosphäre sowie eines ruhigen, isolierten Außenraums bzw. der Stadt.
Der starke Hell-Dunkel-Kontrast ist ebenfalls auffällig, während das harte Licht, welches wahrscheinlich von einer Deckenlampe im Innenraum stammt, den gesamten Raum sowie Teile des Außenbereichs beleuchtet. Draußen gibt es hingegen gar keine Lichtquellen, wodurch der Hintergrund sehr dunkel ist. Vor allem erkennt man dies an der Straßenfassade hinter der Bar. Dort findet man nahezu kein Licht, wodurch die Wirkung von Stille weiter verstärkt wird.
Insgesamt entsteht die Wirkung von ruhigen bzw. wenig besuchten Straßen bei Nacht, während Menschen sich lieber still in Bars gegenübersitzen und eine beklemmte bzw. nachdenkliche Atmosphäre herrscht. Auf den Kontext des Künstlers bezogen kann dies durchaus passend sein, da die Stimmung durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7.12.1941 entstanden sein kann sowie die Atmosphäre durch den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg beklemmend wurde. Folglich sind die Straßen leer.
Text: KLM

